Herr Lukat, wie hat sich Ihr erstes halbes Jahr als Oberbürgermeister angefühlt?
Was mich wirklich enorm beeindruckt, ist, wie viele Menschen in Bochum im Ehrenamt unterwegs sind. Dieses gelebte Füreinander prägt die Stadt. Das gibt mir auch Energie zurück – gerade an langen Arbeitstagen und an gut gefüllten Wochenenden.
Wo erleben Sie dieses Engagement besonders?
Zum Beispiel beim Kältebus, in der Suppenküche oder bei der Tafel. Dort bringen Menschen ihre Freizeit ein, um anderen zu helfen, die am Rande der Gesellschaft sind und oft nicht im Fokus stehen. Mir ist wichtig, dorthin zu gehen und deutlich zu machen: Ich sehe euch und das, was ihr leistet.
Sie wollen also stärker in die Stadtteile hinein?
Ja. Ich möchte mit den Menschen in Kontakt kommen und an Problemen teilhaben. Dafür gibt es auch das Format „mit Lukat“. Ich habe mir vorgenommen, mindestens einen Tag im Monat draußen unterwegs zu sein, etwa auf Märkten oder in Quartieren. Ich komme nicht mit Geldgeschenken, sondern mit dem Ansatz: „Lass uns mal schauen, ob es hier Lösungsmöglichkeiten gibt, die man gemeinsam entwickeln kann.“
Welche Schwerpunkte haben sich für Sie herauskristallisiert?
Ein großer Schwerpunkt ist die Quartiersentwicklung. Mir geht es darum, dass Menschen sich mit ihrem Umfeld identifizieren und Verantwortung übernehmen. Wenn gegenseitige Achtsamkeit da ist, lassen sich viele Probleme angehen – ganz besonders Einsamkeit.
Wenn Quartiere attraktiver werden sollen, geht es auch schnell ums Wohnen. Gerade für das Handwerk spielt bezahlbarer und passender Wohnraum eine wichtige Rolle, um ein attraktives Umfeld für Nachwuchs und Fachkräfte zu bieten. Was macht Bochum dafür?
Die Stadt hält an ihrem Ziel fest, jährlich rund 800 neue Wohnungen zu schaffen. Etwa die Hälfte soll im geförderten Wohnungsbau entstehen. Wichtig ist aber nicht nur die Menge, sondern auch die Frage, welche Wohnungen entstehen. Uns fehlen altersgerechte und barrierearme Wohnungen. Zugleich suchen Familien größere Wohnungen. Ich glaube, es ist eine Herausforderung, dass wir flexibel auch im Bauen sind.
Es gibt auch Überlegungen zu Wohnraum für Auszubildende?
Das wird verfolgt. Aber ich will nichts versprechen, bevor es reif ist. Ein Haus einfach hinzustellen, reicht nicht. Dahinter muss ein Konzept stehen, auch mit Betreuung im Hintergrund. Vielleicht haben wir Richtung Herbst eine Idee, die wir aufnehmen können.
Thema Bauen: Aus dem Handwerk gab es Kritik an großen Vergaben über Generalunternehmer etwa bei Schulbau-Projekten. Ist das bei Ihnen angekommen?
Ja, das ist angekommen. Ich habe den Eindruck, dass viele Gespräche geführt wurden und die große Emotionalität etwas gesunken ist. Die Kritik an Generalunternehmern kann ich nachvollziehen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass lokale Handwerksbetriebe nicht zum Zuge kommen.
Wie will die Stadt das Handwerk unterstützen?
Wir haben erst kürzlich mit dem Handwerkspräsidenten Berthold Schröder und dem Kreishandwerksmeister Wolfgang Hoffmann zusammengesessen. Ein wichtiger Punkt, wie ihn auch der Masterplan Handwerk Ruhr vorsieht, ist eine feste Ansprechpartnerin bei der Wirtschaftsentwicklung. Sie ist ein „Single Point of Contact“, vermittelt also weiter und kennt die Abläufe in der Verwaltung. Das hilft gerade Betrieben, die nicht mehrere Ämter einzeln ansteuern wollen. Verabredet wurde, dass wir bei einer Versammlung der Kreishandwerkerschaft darüber informieren, und auch, was es für Möglichkeiten gibt, unter anderem auch Fördermaßnahmen anzustoßen.
Laut einer Umfrage von Handwerk Region Ruhr von 2025 suchen 16 Prozent der Betriebe nach einem neuen oder weiteren Standort. Gewerbeflächen fehlen aber, auch in Bochum.
Das Thema ist klar benannt. Es gibt acht Gewerbeflächen, die in den kommenden Jahren entwickelt werden sollen. 45 Hektar insgesamt. Eine Fläche in Gerthe ist speziell fürs Handwerk vorgesehen. Auf rund 7,1 Hektar entsteht der „Gewerbepark am Gerther Mühlenbach“, der vorrangig dem produzierenden Gewerbe, dem Handwerk und unternehmensbezogenen Dienstleistungen vorbehalten sein soll. Zur Umsetzung auf der Fläche der früheren Zeche und Kokerei Lothringen gehört auch Bestandsrückbau und Bodensanierung. Mit den Bauarbeiten soll im Jahr 2027 begonnen werden.
Auch Mobilität und Parken beschäftigen Handwerksbetriebe. Was kann die Stadt tun?
Ich verstehe, dass Handwerker bei Akutfällen nah an Einsatzorte heranmüssen. Dafür gibt es Handwerkerparkausweise. Sie ermöglichen unter anderem das Parken im eingeschränkten Halteverbot, auf Bewohnerparkplätzen oder gebührenfrei an Parkscheinautomaten. Feste Sperrflächen von vornherein werden wir aber nicht einfach schaffen können, weil Parkraum sehr knapp ist.
Bochum versteht sich als Wissensstadt. Welche Rolle spielt das Handwerk dabei?
Eine sehr wichtige. Ich sage es gern so: Es ist gut, wenn mir jemand theoretisch erklären kann, warum ein Wasserhahn tropft. Aber ich brauche auch jemanden, der ihn repariert. Handwerk wird weiterhin in Bochum Zukunft haben.
Was muss passieren, damit mehr junge Menschen ins Handwerk gehen?
Wir müssen stärker ins Bewusstsein bringen, dass nicht jeder Weg über Abitur und Studium führen muss. Ich bin auch in einem engen Austausch mit den Berufsschulen. Eine Ausbildung kann sehr gute Perspektiven bieten. Ich bin selbst als Realschüler bei der Polizei gestartet.
Was nehmen Sie sich für die weitere Amtszeit mit Blick auf das Handwerk vor?
Handwerk gehört zur Stadtentwicklung dazu. Gerade in den Quartieren brauchen wir Betriebe, die schnell helfen können. Wo ich unterstützen kann, bin ich dabei. Wir haben regelmäßige Gespräche vereinbart, um zu erfahren, wo der Schuh drückt.
Ronny von Wangenheim
