Hier war sie hautnah dabei, saß zum Beispiel mit am Tisch, als mit einem Lieferanten über Preise verhandelt wurde. Erfahrungen, die sie bei einem offiziellen Besuch kaum gemacht hätte. „Das kriegt man durch kein Gespräch transportiert und übermittelt“, sagt die 41-Jährige. Deshalb hat sie sich vorgenommen, auch als neue Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer Dortmund jedes Jahr eine Woche für ein solches Praktikum zu reservieren. Der nächste Betrieb steht bereits fest: Stromboli in Bochum. Auf sie aufmerksam geworden ist das Unternehmen offenbar durch ihre bisherigen Einsätze – und hat sie kurzerhand eingeladen. Seit dem 1. Juli führt Mouelhi-Ort die Handwerkskammer Dortmund. Sie ist die erste Frau in NRW auf einem solchen Posten. Dass das noch immer bemerkenswert ist, sieht sie durchaus. Sie selbst möchte ihre Wahl aber nicht auf die Geschlechterfrage reduzieren. „Es zählen eigentlich nur die Kompetenzen und nicht das Geschlecht“, sagt sie. Trotzdem freue sie sich, dass Vorstand und Vollversammlung mit ihrer Entscheidung vielleicht „ein bisschen das Eis im Handwerk brechen“.
Seit zwölf Jahren bei der Kammer
Die Welt des Handwerks ist Olesja Mouelhi-Ort längst vertraut. Seit 2014 arbeitet die Diplom-Kauffrau bei der Dortmunder Kammer. Zuvor war sie nach ihrem Studium der Wirtschaftssozialwissenschaften drei Jahre als Beraterin in der Energiewirtschaft tätig. Bei der HWK übernahm sie zunehmend Verantwortung, zuletzt als Geschäftsführerin unter anderem für Gewerbeförderung, Berufsbildungspolitik und Organisationsentwicklung.
Mit dem neuen Amt wird ihr Blick noch einmal breiter. Mouelhi-Ort will hinterfragen, wo die Kammer selbst schneller, digitaler und effizienter werden kann. Denn die Ansprüche, die Interessenvertretungen an Verwaltungen stellen, müssten auch für die eigene Organisation gelten. Gleichzeitig beschäftigt sie die Zukunft der beruflichen Bildung. Millionen fließen in moderne Bildungszentren und Werkstätten an verschiedenen Standorten. Bochum ist hierbei nicht betroffen. „Das Bildungszentrum in Bochum ist im Vergleich zu den anderen auf dem neuesten Stand.“ Doch Mouelhi-Ort warnt davor, nur auf Gebäude zu schauen. „Was nutzen uns die schönsten und modernsten Gebäude, wenn sie vielleicht dann leer sind?“ Nachwuchsgewinnung und Fachkräftesicherung zählt sie deshalb zu den größten Herausforderungen des Handwerks.
Karriere und zwei Kinder
Dass berufliche Rahmenbedingungen ganz persönliche Entscheidungen beeinflussen können, kennt sie aus dem eigenen Leben. Mouelhi-Ort ist seit 14 Jahren verheiratet. Ihren Mann lernte sie während des Studiums kennen – „ganz langweilig in der Bibliothek“, wie sie lachend erzählt. Das Paar hat eine 13-jährige Tochter und einen dreijährigen Sohn. Ihr zweites Kind bekam sie bereits während ihrer Zeit als Geschäftsführerin der Kammer. Auch die heutige Hauptgeschäftsführerin musste lange darum bangen, einen Kindergartenplatz für ihren Sohn zu bekommen. Solche Erfahrungen prägen ihren Blick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gerade jungen Frauen möchte sie zeigen, dass ein Kind nicht automatisch das Ende beruflicher Ambitionen bedeuten muss. Sie selbst sei nach der Geburt zurückgekehrt: „Es hat meiner Karriere nicht geschadet, es hat meiner Arbeitsleistung nicht geschadet.“
Handwerklich begabt? Bei dieser Frage muss Mouelhi-Ort lachen. „Ich glaube, ich bin nicht begabt.“ Immerhin male sie gerne und könne deshalb „ein bisschen mit Farbe umgehen“.Umso wichtiger ist ihr das Lernen in den Betrieben. Denn trotz zwölf Jahren Handwerkskammer weiß sie, dass eine Hauptgeschäftsführerin nicht automatisch weiß, wo bei mehr als 20.600 Mitgliedsbetrieben gerade der Schuh drückt. Deshalb verbindet sie mit ihrem Amtsantritt auch eine Einladung: Betriebe sollen sich jederzeit melden – mit Problemen und Kritik ebenso wie mit Ideen oder Lob. „Wenn irgendwo Unterstützungsbedarf ist, dann rufen Sie an“, sagt sie. Und manchmal kommt die Hauptgeschäftsführerin eben selbst vorbei. Dann nicht für den Fototermin, sondern am liebsten für eine ganze Woche.
Ronny von Wangenheim

